19. Januar 2015

Brendan Duffy - Augen des Waldes

Die Geheimnisse des Waldes

Brendan Duffy legt mit „Augen des Waldes“ einen schaurigen Roman vor, der in die amerikanische Wildnis entführt. In dieser Wildnis steht nämlich ein gigantomanisches verlassenes Haus, genannt „The Crofts“. Im Zuge der Wirtschaftskrise können die New Yorker Ben und seine Frau Caroline Tierney das Haus günstig erwerben und beschließen mit ihrer kleinen Familie zu den Quellen ihrer Herkunft zurückzukehren. Die Großmutter von Ben wohnte nämlich ebenfalls im angrenzenden Dörfchen Swannhaven. Und so machen sich Ben und Caroline daran, das heruntergekommene Anwesen wieder neu instand zu setzen und dem Herrenhaus neues Leben einzuhauchen.

Doch irgendetwas lauert in den dunklen Wäldern, die „The Crofts“ umgeben. Etwas da draußen lässt den Tierneys Warnungen zukommen und hinterlässt blutigen Botschaften, die der Familie schon bald klar machen, dass „The Crofts“ tödliche Geheimnisse birgt. Und auch das Dörfchen Swannhaven scheint ein solches dunkles Geheimnis zu hüten

Von Kirsten Riesselmann ins Deutsche überträgen liest sich „Augen des Waldes“ zunächst wie ein Schauerroman, bei dem das Grauen auf leisen Sohlen daherkommt. Mit einem stimmungsvollen Cover versehen stimmt das Buch den Leser schnell auf die menschenverlassene Szenerie in den amerikanischen Bergen ein. Brendan Duffy gelingt es, immer weiter an der Suspense-Schraube zu ziehen, ehe das Buch dann im letzten Drittel in die Thriller-Richtung kippt und den Leser in die Seiten hineinzieht. Dass der Autor als Verlagslektor Erfahrungen sammeln konnte, ehe er selber eine Geschichte hervorbrachte, merkt man dem Buch auf jeden Fall an.

„Augen des Waldes“ ist voller Atmosphäre und entwickelt gerade zum Ende des Buches hin einen immer stärkeren Sog, sodass man wirklich wissen will, welche Geheimnisse „The Croft“ und Swannhaven hüten. Wer an Thomas Willmanns „Das finstere Tal“ seine Freude hatte, sollte auch auf jeden Fall einmal dieses Buch in die Hand nehmen und sich von der Stimmung, die zwischen den Seiten herrscht, gefangen nehmen lassen. Eine wirkliche Empfehlung!

Wer jetzt neugierig geworden ist und mehr über den Titel wissen möchte, der wird hier auf jeden Fall fündig!

13. Januar 2015

Ian McEwan - Kindeswohl

Down by the salley gardens ...

Der britische Schriftsteller Ian McEwan legt mit “Kindswohl” ein Buch vor, das zwischen Juristerei, Liebe, Musik und Verantwortung oszilliert. Sein neuer Roman ist zwar äußerlich nicht groß (gerade einmal 220 Seiten zählt das Buch), dafür aber sehr wohl inhaltlich.

McEwan erzählt von Fiona Maye, einer circa 60-jährigen Richterin, die am High Court als Familienrichterin ihren Dienst mehr als korrekt versieht. Von Kollegen für ihr brillant formulierten Urteile geschätzt, hat sie nicht nur in ihrem Gerichtssaal alles unter Kontrolle, bis sie sich eines Tages auf das Minenfeld der Liebe begeben muss. Ihr Mann beklagt das eingeschlafene Eheleben des Paares, weshalb er von Fiona das Eingeständnis einfordert, sich eine Geliebte nehmen zu dürfen. Zudem ist Fiona beruflich auch noch mit einem hochdiffizilen Fall eines siebzehnjährigen Zeugen Jehovas konfrontiert, der eigentlich einer Bluttransfusion bedürfte, diese aus Glaubensgründen jedoch ablehnt. Die geordneten Verhältnisse Fionas geraten zunehmend außer Kontrolle ...

Komplizierte Frauengestalten sind ja die Spezialität Ian McEwans – und in „Kindeswohl“ bestätigt er dies erneut eindrücklich. Seine Richterin Fiona Maye ist eine ambivalente Figur, der man gerne durch die Gerichts- und Gedankengänge folgt und die auch nach der Lektüre noch bei den Gedanken des Lesers bleibt.


Dem britischen Großautoren ist es auch hoch anzurechnen, dass in seinen fachkundigen Händen die Juristerei zu einer wunderbar zu goutierenden Prosa gerät. Ebenso wie die Gesetzgebung durchzieht die Musik den Roman unaufdringlich und verwebt so die akustischen, philosophischen, juristischen und amourösen Gedanken der Protagonisten zu einem dichten Netz, das auch allen Nicht-Juristin gerne empfohlen werden kann. Ein wunderbar geschriebener Roman mit einem nicht alltäglichen Thema, das durch die Schreibe Ian McEwans zu großer Literatur wird (und von Werner Schmitz auch einwandfrei ins Deutsche übertragen wurde).

6. Januar 2015

Karine Tuil - Die Gierigen

Die Lügen der Anderen


Das Debüt der Französin Karine Tuil ist ein famoses Stück über Täuschung, Identität, Verrat, Begehren und gesellschaftliche Normen. „Die Gierigen“ entführt den Leser von Frankreich nach New York. Dorthin hat sich Samir aufgemacht, um ein geachteter und reicher Staranwalt zu werden. Früher waren er, der Jude Samuel und Nina, die die Begehrlichkeiten der beiden Jungen auf sich zog, ein befreundetes Triumvirat.
Nina und Samuel leben nun in Paris in bescheidenen Verhältnissen, während es Samir Jay Gatsby gleich getan hat und sich selbst neu erfunden hat. Eines Tages erfährt das Pariser Ehepaar vom Aufstieg Samirs und muss feststellen, dass sich Samir Teile von Samuels Identität zu eigen gemacht hat, um seinen Aufstieg zu begründen. Geschockt fordert Samuel eine Aussprache zwischen den Dreien, infolge der sich alle Verhältnisse umkehren und Geheimnisse ans Tageslicht gezerrt werden, die ebendieses besser nicht mehr erblickt hätten. Eine große Katastrophe für alle Beteiligten nimmt ihren Lauf.

Karine Tuil hat einen Roman geschrieben, der deutlich mehr enthält, als der Klappentext vielleicht verraten mag. Neben den Feldern der Identität und Herkunft behandelt sie auch Themen wie das Judentum und den Islamismsu und die gesellschaftliche Stellung der Religion in verschiedenen Gesellschaften. Sie kreist permanent um die Lebensentwürfe der drei Hauptprotagonisten und wechselt die Perspektiven. Selbst jeder Nebencharakter wird von ihr noch mit einer Fußnote bedacht.
Neben dem klug komponierten Inhalt auffällt, ist die Art, mit der Karine Tuil ihre Erzählung über 400 Seiten vorantreibt. Die Autorin schaut unbarmherzig auf die Lebensentwürfe und leuchtet diese mit ihrem geschärften Sprachsensorium aus.
So besticht „Die Gierigen“ durch einen kraftvollen Sound, der die Erzählung nicht nur trägt sondern auch vorwärts treibt.

Das Buch erinnert in manchen Passagen an die Theaterstücke Yasmina Rezas oder „Der Vorname“, da hier ähnlich unbarmherzig Lebensentwürfe seziert werden. Insgesamt ein kluges Buch, das mit den unterschiedlichsten Themen prall gefüllt daherkommt und dem viele Leser zu wünschen sind!

4. Januar 2015

Volker Kutscher - Märzgefallene

Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg


2014 jährte sich das Geschehen des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal – Volker Kutscher hat dem Gedenken nun einen weiteren Roman hinzugefügt, der die Erinnerung an die damaligen Ereignisse wachhält – im Gewand eines Kriminalromans.

„Märzgefallene“ ist der fünfte Fall, den der Berliner Kommissar Gereon Rath lösen muss. In Berlin steht die Machtergreifung der Nazis infolge des Reichstagsbrandes kurz bevor, als ein ermordeter Obdachloser entdeckt wird. Die Spuren des Mordes führen zurück in die Gräben des Ersten Weltkrieges. Bei seinen Ermittlungen gegen den Willen der neuen gleichgeschalteten Polizeispitze stößt Gereon Rath auf weitere Opfer. Verbindendes Element scheint ein Einsatz einer Gruppe von Soldaten im französischen Hinterland zu sein, die für die Aktionsplan „Alberich“ eingesetzt wurden.

Während die Nazis in ganz Deutschland die Macht übernehmen muss sich Rath auf die Suche nach einem Mörder und einem Motiv begeben. Seine Recherche führt ihn bis nach Bonn und Wuppertal, wo er den Ursprung der Mordserie ergründen will, während sich Raths Arbeitswelt in der Mordkommission drastisch ändert.

So düster wie in „Märzgefallene“ der Gereon-Rath-Serie ist bislang noch kein Titel von Volker Kutscher ausgefallen. Gelungen integriert er die damaligen Ereignisse des Reichstagsbrandes, die Machtergreifung Hitlers, Bücherverbrennung und das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums in die Krimihandlung. Eindrücklich zeigt er, wie sich die Privat- und Arbeitsverhältnisse innerhalb kurzer Zeit änderten und mit welchen Widerständen exemplarisch Gereon Rath und seine Verlobte Charly Ritter zu kämpfen hatten. Hierbei widersteht Kutscher auch der Versuchung, seinen Helden Rath moralisch zu überzeichnen. Vielmehr steht er für die eigentlich apolitisch Schweigenden, die die Lage infolge der Machtergreifung systematisch verkannten bzw. nicht erkennen wollten.

Im Moment ist die Reihe um Rath im deutschsprachigen Raum eine der besten Kriminalserie, die sowohl durch ihre Ambitionen als auch durch Inhalte besticht. Bemängeln muss ich – weniger an diesem Titel, eher generell – das sich Volker Kutscher thematisch wiederholt (schon wieder eine Mordserie in Berlin, die ihre Ursprünge in der Vergangenheit hat). Die Fälle, mit denen sich Gereon Rath herumschlagen muss, ähneln einander vom Aufbau inzwischen sehr.
In „Märzgefallene“ ist Kutscher in meinen Augen jedoch der ausgeklügeltste Plot bisher gelungen. Kein heiterer Wohlfühl-Krimi, aber eine lohnende Anschaffung, die auch noch einmal die Ereignisse des Ersten Weltkriegs wachruft und die Anfänge des Dritten Reichs anschaulich beleuchtet.

28. Dezember 2014

Rolf & Cilla Börjlind - Die dritte Stimme

Von Marseille nach Stockholm

Nachdem es die angehende Polizistin Olivia Rönning und der abgestürzte Kommissar Tom Stilton in „Die Springflut“ bereits mit mörderischen Jugendlichen und Konsorten aufnehmen mussten, wird es in „Die dritte Stimme“ nicht leichter. Das schwedische Drehbuchduo Cilla und Rolf Börjlind schickt ihre Spürnasen diesmal nicht in die Unterwelt Stockholms sondern bis nach Marseille.

Dorthin reist der Croupier und Messerwerfer Abbas zusammen mit dem Ex-Kommissar Tom Stilton, nachdem dort seine frühere Geliebte zerstückelt in einem Naturreservat gefunden wurde. Währenddessen ermittelt Olivia in Stockholm auch auf eigene Faust. Der Vater eines in der Nachbarschaft lebenden Mädchen hat scheinbar Selbstmord begangen. Olivia lassen die Vorgänge allerdings keine Ruhe und so beginnt sie selbst nachzuforschen. Der erfahrene Krimileser weiß aber ja schon längst, dass die beiden Stränge miteinander zu tun haben müssen. Und so prallen dann auch in Stockholm die Spuren und Ermittler aufeinander.

Das Ensemble von „Die dritte Stimme“ ist eigentlich das gleiche wie im Erstling „Die Springflut“. Die Kenntnis dieses Buches empfiehlt sich für das Verständnis des Folgebandes, zwingend erforderlich ist diese aber nicht. Die beiden Autoren bauen genügend Rückblenden und Verweise ein, sodass man sich nach einiger Zeit auch so im Kosmos von Olivia Rönning bzw. Rivera und Tom Stilton zurechtfindet.

Was am Buch marginal zu kritisieren wäre, ist die Tatsache, dass die beiden Stränge, die lange Zeit unverbunden nebeneinander herlaufen, etwas Zeit benötigen, bis sie in Fahrt kommen. Wenn die Fälle dann aber Fahrt aufnehmen ist man als Leser gerne dabei und versucht, hinter die Vorgänge und die Verknüpfungen unter den Personen zu kommen. Der Band nimmt die Fäden aus „Die Springflut“ nahtlos auf und entwickelt die Charaktere interessant weiter. Wenn die Qualität gleich bleibt, darf man sich noch auf einige weitere spannende Bände aus den Federn von Cilla und Rolf Börjlind freuen!

Wo war das?

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