22. Juni 2014

Adrian McKinty - Die Sirenen von Belfast

Zurück in der Hölle

Zurück in die Hölle auf Erden schickt Adrian McKinty seinen katholischen Bullen Sean Duffy im zweiten Teil seiner Romanreihe um den irischen Inspector. Irland im Jahr 1982, das sind IRA-Terror, Bomben unter Autos und nicht endend wollende Gewalt.
Inmitten dieses Chaos stößt Duffy zusammen mit seinem Partner auf den Torso eines Amerikaners, der in einem Koffer entsorgt wurde. Der irische Schnüffler klemmt sich hinter die Fährt um dem Geheimnis des Toten auf die Spur zu kommen und ahnt dabei nicht, dass er sich damit mächtige Gegner schafft.

Auch der zweite Teil dieser Romanreihe ist Adrian McKinty wieder vorzüglich gelungen. Nach der Trilogie um den irischen Gangster Michael Forsythe („Der sichere Tod“, „Der schnelle Tod“ und „Todestag“) entsteht hier die nächste großartige Reihe, die mit der Voranschreiten der Titel immer mehr an Profil gewinnt. Mit einer prägnanten und großartigen Schreibe ausgestattet schafft es Adrian McKinty dem Police-Procedural-Roman neue Facetten abzugewinnen. Er strukturiert seinen Roman mit Tempo, um dann wieder abzubremsen, er beschleunigt um Sean plötzlich wieder in eine Sackgasse zu manövrieren. Der Leser bleibt gespannt an den Ermittlungen dran. Symptomatisch seien hier zwei Kapitelüberschriften angeführt: Kapitel 10 „Fortschritte“, Kapitel 11 „Keine Fortschritte“. Hier schimmert der grimmige Humor des irischen Autoren durch, dessen markante Schreibe in der momentanen Krimilandschaft singulär ist. An dieser Stelle sei auch die gelungene Übersetzung durch Peter Torberg hervorgehoben, die viel der einzigartigen Wortspiele doch noch ins Deutsche hinüberrettet.

Sean Duffy ist ein Protagonist, dem man noch zahlreiche weitere Einsätze im Höllental Belfast in den 80ern wünscht (und der Epilog deutet dies Gottseidank schon an). Beste Krimilektüre für den Sommer!

Mehr Infos über das Buch findet ihr hier!

10. Juni 2014

Johan Theorin - Inselgrab

Sommer auf Öland

Mit „Inselgrab“ bringt Johan Theorin sein Jahreszeitenquartett zum Abschluss. Nach Herbst („Öland“), Winter („Nebelsturm“) und Frühling („Blutstein“) endet die Tetralogie nun im schwedischen Hochsommer.
Die Touristen aus Stockholm überschwemmen im Jahr 1999 die Insel, als einige Ereignisse kulminieren, in deren Mittelpunkt die Magnaten-Familie Kloss zu stehen scheint. Ein Geisterschiff taucht im Sund vor der Insel auf, ein alter Bekannter der Familie scheint zurückzukehren und im Feriendorf der Klossens manipuliert jemand gezielt die Touristik-Anlage.
Und offenbar hängen diese ganzen Ereignisse mit früheren Geschehnissen zusammen, als der junge Gerlof Davidsson bei einem Begräbnis Klopfgeräusche aus einem Grab vernahm und als ein junger Schwede mit seinem Vater in die Neue Welt aufbrach.

Zahlreiche Fäden verspinnt Johan Theorin am Anfang seines Romans, die erst zum Ende des Buches hin in ihrer Gesamtheit Sinn ergeben. Das mag den ein oder anderen Leser am Anfang stören, im Laufe des Buchs wird man aber für die Konzentration belohnt.

„Inselgrab“ ist ein typisches Öland-Buch Theorins. Ereignisse aus der Vergangenheit wirken bis in die Gegenwart nach und alles hängt miteinander zusammen. Wie aus den Vorgängerbänden gewohnt ermittelt der jetzige Rentner und ehemalige Seemann Gerlof Davidsson. Mit Bedacht und einem beachtlichen Erinnerungsvermögen dröselt er die einzelnen Ereignisse auf und versucht Licht ins Dunkel zu bringen.
Theorin gelingt es ausgezeichnet, Spannung und Suspense zu vermitteln. Er schafft es unnachahmlich Grusel zu erzeugen und den Leser trotz aller Bedächtigkeit bei der Stange zu halten. Man meint förmlich selbst im schwedischen Hochsommer über die Insel zu wandern und sieht die Ereignisse im eigenen Kopfkino vor sich.

Der gelungene Abschluss einer außergewöhnlichen Reihe und einer der besten Schwedenkrimis des Jahres 2014 – da lege ich mich bereits fest!

Edgar Rai - Die Gottespartitur

Glaubenszweifel

Eine geheimnisvolle Partitur, ein mysteriöser Todesfall und ein jahrhundertealtes Geheimnis. Klingt zunächst nach einer Räuberpistole á la Dan Brown, kommt aber aus der Feder von Edgar Rai. Dieser hat bislang eher leichte Sommerromane geschrieben (z.B. „Nächsten Sommer“) um nun den Genrewechsel zu wagen. Dieser ist ihm – um das gleich vorauszuschicken – durchaus gelungen.

Er erzählt vom Star-Literaturagenten Gabriel Pfeiffer, der im Trubel der Frankfurter Buchmesser von einem jungen Mann ein Manuskript erhält. Den wirren Worten des Adoleszenten schenkt er keine große Bedeutung, bis dieser tot in der Kapelle seines Seminars liegt. Gabriel forscht auf eigene Faust nach und stößt auf eine heiße Spur: Könnte es die sogenannte „Gottespartitur“ tatsächlich geben – ein Musikstück das die Existenz Gottes beweisen könnte?

Was sich auf dem Papier noch nach atemloser Hatz, gedungenen Verschwörern und eben ganz nach Dan Brown anhört, ist in Wahrheit ein ruhiger Roman über einen alternden Literaturagenten, seine Zweifel und die Frage, ob es Gott tatsächlich geben kann. An einer Stelle lässt Edgar Rai seine Protagonisten bemerken, dass Dan Brown diese Geschichte sogar höchstwahrscheinlich gelangweilt hätte. Mich hat sie es auf gar keinen Fall. Ein spannender und gut erzählter Roman, bei dem schon das stimmungsvolle Cover Lust auf mehr macht.

Rai ist ein Roman gelungen, der sich nicht in überzogenem Budenzauber verliert, sondern der seinen Fokus auf die Protagonisten und ihre Befindlichkeiten legt.
Eine gelungene Alternative zu all den hektischen, dutzendfachen Vatikan-Schnellschüssen, der sich dem Thema des Glaubens und Zweifelns widmet. Gerne darf Edgar Rai noch mehr Romane in diese Richtung schreiben!

29. Mai 2014

Donato Carrisi - Die Totenjägerin

Die Toten aus dem Schatten

Mit „Die Totenjägerin“ legt Donato Carrisi seinen dritten Thriller um die Sonderermittlerin Mila Vasquez vor. Wer die Vorgängerbücher „Der Todesflüsterer“ und „Der Seelensammler“ gelesen hat, ist beim aktuellen Buch im Vorteil, zwingend erforderlich ist die Lektüre der beiden sehr spannenden Vorgänger aber nicht.

In der namenlosen Stadt, in dem Mila lebt, ereignet sich eine Reihe von mysteriösen Morden. Vor Jahren verschwunden kehren einige Menschen wieder um zu erbarmungslosen Mördern zu werden. Doch wo waren diese Menschen in der Zwischenzeit? Was hat es mit ihrem Verschwinden auf sich? Was verbindet diese aus dem Schatten zurückgekehrten?
Mila wird zusammen mit dem geächteten Ermittler Simon Berish auf eine Schnitzeljagd geschickt, die sie von einem Mord zum nächsten Tatort führt. Von Cliffhanger zu Cliffhanger hetzt Carrisi seine Protagonisten.

Der italienische Autor weiß routiniert Spannung zu erzeugen, der Aufbau seiner Geschichte ist einfach stimmig. Stets hetzt man noch ein Kapitel weiter, weil man einfach wissen will, wie es mit Mila und Simon auf ihrer Tour de Force weitergeht! Wem die beiden Vorgängerbücher gefallen haben oder wer sich einfach für gute zeitgenössische Thriller begeistern kann, dem sei „Die Totenjägerin“ wärmsten ans Herz gelegt!

Tom Hillenbrand - Drohnenland

Unerkannt im Drohnenland

Der Minority Report ist in Europa fast vollständig wahrgeworden. Dank Drohnen, Vollzeit-Überwachung und CCTV gibt es eigentlich keine Verbrechen mehr, die man nicht aufklären könnte. Dass dies doch der Fall ist, muss der Kommissar Aart van der Westerhuizen schnell erkennen: Ein Parlamentarier wurde im Brüsseler Niemandsland erschossen, doch die Aufklärung ist trotz umfassender Speicherung aller Daten kaum möglich. Es scheint, als hätte eine mächtige Gruppe Interesse an der Nicht-Aufklärung des Falles – doch Aart van der Westerhuizen lässt nicht locker. Schnell stößt er auf die Spuren eines Komplotts, das die Vereinigten Staaten von Europa bedroht …
Drohnenland liest sich, als hätten Philip K. Dick und Edward Snowden zusammen getan, um die Menschheit aufzurütteln. In einer Zeit, in der Amazon Liefer-Drohnen testet, sämtliche digitale Ströme ausgewertet werden und immer mehr Dienstleistungen an Computer outgesourct werden erscheint der Roman Tom Hillenbrands weniger wie Science Fiction als eine Vorausschau von ein paar Jahren.

Bemerkenswert an diesem Roman ist auch die Tatsache, dass Hillenbrand dieses Buch noch vor den Snowden’schen Enthüllungen begann. Durch letztere bekommt das Buch einen ganz neuen Beiklang und sollte uns über Vorratsdatenspeicherung und Co noch einmal neu nachdenken lassen.
Ein toller Verschwörungsthriller mit einem originellen Plot, bei dem es mir lieber wäre, wenn sich die Voraussagen dieses Buchs nicht so krass bewahrheiten. Privatsphäre hat auch Vorteile, wie „Drohnenland“ eindringlich beweist!

Wo war das?

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