Antonin Varenne - Die sieben Leben des Arthur Bowman

Von Birma in den Wilden Westen


Von Birma über England bis in den Wilden Westen - der Franzose Antonin Varenne hat sich mit seinem neuen Roman etwas vorgenommen. Nach dem ersten auf Deutsch publizierten Roman Fakire erscheint nun in neuem Verlag die zweite deutsche Übersetzung mit dem Titel Die sieben Leben des Arthur Bowman.


Jener Bowman ist ein knallharter Söldner und Menschenschinder, der weder sich noch andere Menschen schont. Im Auftrag der Ostindienkompanie befehligt er andere Söldner in Birma, ehe es zu einer Katastrophe kommt. Sein Trupp wird gefangen genommen und gefoltert. Nach seinem Martyrium entflieht er nach London, das seinerzeit unter einer ungeahnten Hitze ächzt.
Bowman sucht im Alkohol Vergessen und verdingt sich als Konstabler. Er patroulliert durch die hitzegefluteten Straßen, bis ihn eine Nachricht außer seinem Trott reißt. In der Kanalisation Londons wurde ein Toter gefunden - gefoltert und mit ähnlichen Narben versehen wie Bowman. Dieser ist sich sicher dass ein ehemaliges Mitglied seiner Söldnertruppe hinter dem Mord stehen muss.
Und so macht er sich auf, seine ehemaligen Kollegen aufzuspüren und dem Mörder das Handwerk zu legen. Doch dieser Plan soll ihn bis nach Amerika in die weiten Ebenen führen, wo Siedler auf ihr Glück hoffen und Bowmans mörderischer Mitsöldner abgetaucht zu sein scheint.


Der Handlungsbogen von Varennes Roman ist durchaus ambitioniert. Mit der Figur des Arthur Bowman hat er einen kantigen und streitbaren Charakter ersonnen, der nicht unbedingt Herzen für sich einnimmt. Bowman ist brutal, säuft und ist eigentlich ein vollkommenes Wrack. Umso beeindruckender die Suche nach dem Mörder, die Bowman vor ungeahnte Herausforderungen stellt und ihn über sich hinauswachsen lassen.
Das Setting, vom schwülen Birma übers hitzige London bis nach Amerika, das von Hoffnung geradezu beseelt scheint, ist Varenne hervorragend gelungen. Auch die Person des Arthur Bowman bleibt dem Leser noch länger im Gedächtnis haften.
Abgesehen von der ein oder anderen kleinen Unstimmigkeit ein origineller Mix aus Western, historischem Roman und Serienkiller-Topos.


Dennis Lehane - In der Nacht

Ein Prohibitionsmeisterwerk

Es gibt Schriftsteller, da passt jedes Wort. Da ist keine Zeile zu viel, da klingt kein Dialog gekünstelt und da ist jede Szene sauber gebaut und lässt im Kopf des Lesers einen ganz eigenen Film entstehen. Einer jener Schriftsteller, der zu meinen absoluten Favoriten zählt, schafft genau dies - die Rede ist von Dennis Lehane. Immer noch kommt ihm in Deutschland nicht die Aufmerksamkeit zu, die er eigentlich verdient hätte (man denke nur an die Adaptionenen seiner Bücher Shutter Island oder Gone Baby gone). Immerhin hat sein Verlagswechsel hin zu Diogenes nun zur Folge, dass auch das schon etwas länger erschienene Mystic River neu aufgelegt wurde und eine langsame Etablierung des Autors einzutreten scheint. Mehr als zu gönnen ist es dem Autoren auf jeden Fall.

Ein weiterer Titel aus dem facettenreichen Schaffen des Amerikaners liegt nun im Taschenbuch vor - übersetzt von Sky Nonhoff. Es handelt sich um das Prohibitionsdrama In der Nacht, der Lebensgeschichte des Gangsters und Alkoholschmugglers Joseph "Joe" Coughlin.

Von Boston nach Tampa


Dieser wächst in Boston auf, um zwischen irischen und italienischen Einwanderern dann schnell die kriminelle Laufbahn einzuschlagen. Ein Überfall auf ein Hinterzimmer bringt ihn und seinen Vater, einen hohen Polizeibeamten, zunächst nur in Bedrängnis und Joe wenig später ins Gefängnis. Dort macht er die Bekanntschaft mit hohen Unterweltgrößen um in der Folge selbst zu einem mächtigen Mobster zu werden.
Der Unterweltboss Maso Pescatore verfügt nämlich, dass Joe in den Süden Amerikas, genauer gesagt nach Tampa gehen soll Dort steigt er im Spannungsfeld zwischen Kuba und Amerika rasch zum mächtigsten Alkoholschmuggler der Gegend auf. Er übernimmt die Kontrolle über wichtige Vertriebswege und versorgt den ganzen Süden mit erstklassigem Rum - durch die herrschende Prohibition ist ihm ein einträglicher Verdienst sicher. Doch wie es so ist mit Imperien - schon bald drohen Widersacher und Staat dem prosperierenden Geschäft Joes gefährlich zu werden. Doch dieser weiß sich zu wehren.

Ganz ganz große Kunst


Immer wieder gibt es Bücher, die den Leser mit den ersten Sätzen schon derart ins Geschehen hineinziehen, dass Widerstand absolut sinnlos und verfehlt wäre. Der Beginn von In der Nacht zählt hierzu. Wie es Lehane gelingt, den Bogen vom todgeweihten Joe Coughlin hin zu seinen Jugendjahre zu spannen, wie er prägnante Szenen einzufangen weiß und wie er die Noir-Stimmung und Chandler-würdigen Dialoge kreiert - das ist große Kunst, punktum.

Ein Buch, das während der Lektüre nach einem guten Glas Rum in der Hand gebietet und dazu angetan ist, in einem Rausch gelesen zu werden. Joes Kampf um die Vorherrschaft im Schmugglergeschäft ist nicht nur für Fans der Fernsehserie Boardwalk Empire höchst interessant. Jeder, der nur halbwegs am Kapitel der Prohibition oder der Mafia in Amerika interessiert ist, der kommt nicht um diesen Titel herum.

Und die beste Nachricht noch zum Ende: die Geschichte Joes ist noch nicht auserzählt - im Herbst kehrt er im Buch Am Ende einer Welt wieder zum Leser zurück. Ein definitiver Pflichttitel dieses Bücherherbstes!

Vea Kaiser - Makarionissi oder Die Insel der Seligen

Griechische Verhältnisse

Der Versuch den Inhalt dieses zweiten Romans der Österreicherin Vea Kaiser subsumieren zu wollen, muss zum Scheitern verurteilt sein. Zu weit spannt sie den Erzählbogen, zu viele Figuren treten auf und begegnen dem Leser, als dass man prägnant sagen könnte - genau hierum kreist das Buch.

Fest stellen lässt sich: Vea Kaiser erzählt ausgehend vom fiktiven griechisch-albanischen Bergdorf Varitsi in den 50ern einen Generationenroman, der in der Gegenwart auf der ebenfalls fiktiven Insel Makarionissi endet. Dazwischen liegen 60 Jahre, Ausflüge nach Hildesheim, Amerika und in die Schweiz. Es treten auf: Schlagerbarden, Köche, Bäcker, Partisanen, Kosmetikerinnen, Helden, Verliebte und dergleichen mehr.

In neun Gesänge aufgeteilt erzählt die junge Österreicherin von den Dramen des Lebens, von Konflikten, die unter der Oberfläche schwelen und von der Suche nach der Liebe des Lebens. Stets verknüpft sie dabei die Erzählstränge auch mit griechischen Legenden und Historien (hier merkt man eindeutig das Studienfach von Vea Kaiser). Die Insel Makarionissi wird hierbei dann zum Brennglas, unter dem alle Beziehungen und Abhängigkeitsgeflechte scharf gebündelt und ausgeleuchtet werden. Zwischen Drama und Komödie liegen bei Vea Kaiser oftmals nur ein paar Sätze.


(c) Thomas Mulchi/ Flickr
Auch wenn Vea Kaiser im Vorfeld verkündete, sie wolle ein Buch über die Griechenlandkrise schreiben oder sich mit der Thematik beschäftigen, so muss man konstatieren, dass Makarionissi eigentlich zur Gänze ein apolitisches Buch geworden ist. Mag die aktuelle Krise auch eine Quelle der Inspiration gewesen sein, in diesem opulenten (und manchmal etwas oberflächlichen) Bilderbogen lassen sich die Anklänge an die Misere nicht mehr herausdestillieren. Ein bunter Bilderbogen, mehr ist das Buch aber zu keinem Zeitpunkt. Genau das richtige Buch für den Strand oder auch für daheim, wenn man einen griechischen Sandstrand gerade nicht unter den Füßen spüren kann und trotzdem im Kopf verreisen möchte!

James Lee Burke - Regengötter

Ein staubiger Western

Diesen Ziegelstein von einem Buch muss man vorsichtig absetzen - wenn man zu heftig auf eine Tischoberfläche oder Ähnliches wirft wäre es nicht unwahrscheinlich, dass Staub und Sand aus diesem Buch herausrieseln. In Regengötter verleiht der Krimigroßmeister James Lee Burke dem staubigen Grenzland zwischen Mexiko und Amerika nämlich eine großartige literarische Würdigung.

Im deutschen Sprachraum nahezu vergessen zählt James Lee Burke eigentlich mit seinen diversen Krimiserien zu einem der größten lebenden Spannungsautoren aus dem anglophonen Bereich. Mit Regengötter (übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Daniel Müller) scheint es jetzt, als gelänge dem Autoren im reifen Alter von 79 Jahren noch einmal so etwas wie ein Comeback.

Im Staub zwischen Mexiko und Amerika


Mit dem Krimi Regengötter gelang es Burke den Krimipreis des Jahres 2014 zu erringen. Darin erzählt er vom 80-jährigen Sheriff Hackberry Holland, einem sturen und schmerzgeplagten Cowboy, dessen Gerechtigkeitsempfinden und dessen dicker Schädel ihn oftmals in Bedrängnis bringen.
Hinter einer alten Kirche wurden in Grenzland nämlich neun mit einem Bulldozer verscharrte Leichen von asiatischen Frauen gefunden - obwohl das FBI und das ICE den Fall zu gerne an sich reißen würden, gibt Holland nicht nach und klemmt sich zusammen mit seiner Mitarbeiterin Pam Tibbs hinter die Fährte der Leichen. Schnell führen seine Ermittlungen ihn in gefährliche Verbrecherkreise und nicht nur Hackberry muss um sein Leben fürchten. Denn ein skrupelloser Psychopath steht dem Sheriff entgegen und die Begegnung mit ihm könnte seine letzte sein ...

Stellenweise erinnerte mich die Erzählweise James Lee Burkes stark an seinen Kollegen Cormac MacCarthy und seinen Meilenstein Kein Land für alte Männer. Stoische Charaktere, eine dräuende Stimmung - was braucht es mehr für einen Neo-Western?

Regengötter ist ein mächtiges Buch, sowohl in inhaltlicher als auch umfangstechnischer Sicht. Auf über 670 Seiten entfesselt der Großautor sein staubiges Panorama, lässt Killer, Crystal-Meth-Dealer und Biker durch die ungastliche Landschaft hetzen und vergisst darüberhinaus nie die Spannung.

Wer Sheriff Hackberry Holland nun liebgewonnen hat, der darf sich schon auf die Fortsetzung Glut und Asche freuen, die im Herbst diesen Jahres erneut bei Heyne Hardcore publiziert werden wird.

Don Winslow - Das Kartell

Der war on drugs

Für diesen Roman braucht man einen stabilen Magen - einen sehr stabilen Magen. Die Leichendichte und Fülle an Tötungsarten ist im Buch Das Kartell wohl wirklich herausstechend - unzählige Tote pflastern den Weg, den Art Keller und Adán Barrera diesmal bis zum blutigen Ende gehen.

Nachdem die beiden Protagonisten im Krimipreis-gekrönten Epos Tage der Toten von den 70ern bis in die 90er bereits eine blutige Fehde ausfochten, hat sich Winslow nun entschlossen, noch einen Nachfolger des Buches für die Gegenwart zu schreiben. Unbarmherzig zeigt der amerikanische Schriftsteller, dass sich seit den 70er Jahren im Kampf gegen die Drogen kaum etwas geändert hat - im Gegenteil. Immer brutaler wird der Kampf um die Vorherrschaft im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet - und ein Ende der Gewaltspirale scheint nicht in Sicht.

Die Wiederauferstehung des Adán Barrera


Nachdem Art Keller ihn am Ende der Tage der Toten festsetzen konnte, befindet sich der Kartellchef  Adán Barrera nun in Haft. In einem amerikanischen Gefängnis harrt er der Dinge die da mit aller Macht kommen sollen. Mithilfe seiner Kartellmitglieder gelingt ihm nämlich die Flucht und in der Folge setzt er auf seinen Häscher Art Keller ein Kopfgeld aus. Dieser taucht als erfahrener DEA-Agent zunächst unter, um dann mit mächtigen Verbündeten eine neue Runde im Kampf gegen die Drogen einzuläuten. 
Währenddessen erstarkt Barrera zusehends und drängt mit aller Macht zurück an die Spitze seines Kartells, wobei er sprichwörtlich über Leichen geht. Doch die Zeit ist nicht spurlos an allen Beteiligten vorbeigegangen. Die Umstände haben sich geändert und so balgen sich immer skrupelloser und blutiger auch die anderen Kartelle in der Golfregion um ihre Anteile. Ein jahrelanger Kleinkrieg um die Drogen beginnt mit noch nie dagewesener Härte.


Nur die Realität ist grausamer

Don Winslow (c) Susie Knoll

Bereits das Vorwort zu Winslows Sequel Das Kartell macht deutlich, dass die meiste Handlung weniger der Fantasie des Autors als vielmehr der Realität entspringt. Die unzähligen mexikanischen Journalisten, die Winslow eingangs aufzählt, starben in nicht einmal einem Jahr in Mexiko beim Versuch, kritischen Journalismus zu betreiben - eine Grundsäule einer funktionierenden Demokratie.
Sein Buch fußt auf Beobachtungen, Gesprächen und Recherchen im mexikanisch-kalifornischen Grenzland und mehrmals weist der Amerikaner fast verzweifelt darauf hin, dass es sich beim mexikanischen Drogenproblem vielmehr um ein reines amerikanisches Problem handelt. Was unsere westliche Gier nach Opiaten und Rauschmitteln für blutige Konsequenzen hat, dies schildert Winslow auf über 850 Seiten.
Teilweise sind die Szenen schon nicht mehr erträglich, was durch Winslows genauen und schon fast stakkatohaften Schreibstil zusätzlich verstärkt wird. Allerdings zeigen Nachrichten wie die der verschwundenen mexikanischen Studenten oder immer wieder von Brücken baumelnden Leichen wie beunruhigen aktuell und nah an der Realität Das Kartell operiert. 
Nach all den mediokren Büchern von Don Winslow in letzter Zeit mehr als ein Hoffnungsschimmer, dass der Starautor wieder an alte Stärken anknüpft. Es wäre zu wünschen!

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