27. November 2014

Robert Wilson - Ihr findet mich nie

Charles Boxers schwerster Fall




In "Ihr findet mich nie" bekommt es der Entführungsexperte Charles Boxer nach seinem ersten Auftritt in Stirb für mich" nun mit seinem härtesten Fall zu tun - nämlich dem Verschwinden seiner eigenen Tochter.

Diese macht wahr, was der Buchtitel schon verkündet und verschwindet gleich zu Beginn des Buches von der Bildfläche. Abgestoßen von ihren beiden ermittelnden Elternteilen nutzt sie das ganze Wissen, das sie von ihren Eltern im Bezug auf das Wiederauffinden von Menschen aufgeschnappt hat und löscht ihre Spuren aus. Alarmiert beginnt Charles Boxer zu ermitteln und versucht den nonexistenten Spuren seiner Tochter nachzuspüren und Amy wieder nach Hause zu bringen. Damit legt er sich mit mächtigen Gegnern an und muss feststellen, wie schwierig es ist, jemanden zu finden, der nicht gefunden werden will.

Von der ersten Seite an gibt Robert Wilson in Ihr findet mich nie" Stoff und drückt auf das Spannungspedal. Wer schon einmal einen Roman Wilsons - z.B. aus der Javier-Falcon-Reihe - gelesen hat, der weiß dass sich Wilson nicht mit einem simplen Erzählstrang zufrieden gibt. Wilsons Romane sind wie ein Fluss, der sich schnell in ein Delta verästelt und immer komplexer wird. Auch im neuesten Buch des englischen Schriftstellers wird die Handlung schnell wieder mehrgleisig. Zwischen Madrid und London entfaltet sich das Handlungsgeflecht, das auch munter zwischen Charles Boxer, seiner Gattin Mercy und den verschiedenen Gangstern hin- und herspringt.

Robert Wilson ist ein Schriftsteller, der sein Handwerk einfach beherrscht und dem es bei allen verschiedenen Strängen auch gelingt, diese in der Hand zu halten und den Leser durch das Labyrinth aus falschen Spuren und Sackgassen zu führen. So knüpft Ihr findet mich nie" nahtlos an "Stirb für mich" an und lässt auf weitere Bände um den Kidnapping-Consultant Charles Boxer hoffen!
 
Weiterführende Infos zu diesem spannenden Titel und weiteren Büchern des britischen Autoren gibt es auch unter folgendem Link
 
 

Dennis Lehane - The Drop - Bargeld

Die Drop-Bar

Dennis Lehane ist einer der interessantesten und besten Erzähler von Kriminalliteratur im anglistischen Sprachraum, der bisher nur ein Schattendasein auf dem deutschen Markt fristete. Mit seinem Verlagswechsel von Ullstein hin zu Diogenes könnte ihm nun endlich einmal die Aufmerksamkeit zukommen, die seinem Schaffen gebührt.

Mit „The Drop“ wurde nun wieder eine seiner zahlreichen Erzählungen mit anspruchsvoller Besetzung für’s Kino adaptiert (andere auf Lehanes Erzählungen basierende Verfilmungen wären z.B. „Shutter Island“ oder „Gone Baby Gone“). Die Vorlage hierzu erschien bei Diogenes im Hardcover und wird hauptsächlich aus der Perspektive Bobs erzählt. Dieser verlebt seine Tage als Barkeeper in einer Drop-Bar. Diese dient der Mafia als zentraler Knotenpunkt für die Geldwäsche der verschiedenen krummen Geschäfte.

Zusammen mit seinem Cousin Marv, der eigentlich gar nicht Bobs Cousin ist, fristet er antriebslos in der Drop-Bar seine kümmerliche Existenz. Doch alles ändert sich, als die Bar überfallen wird und dies einen Polizisten auf den Plan ruft. Zudem verliebt sich Bob auch noch und dann wird alles richtig kompliziert.

Mit „The Drop – Bargeld“ hat Dennis Lehane einen knackigen Mobster-Krimi verfasst, dessen lakonischer Stil die brutale Handlung eigentlich konterkarikiert. Mit großem Geschick schafft er es, auf lediglich nicht einmal 260 verschiedene Themen anzuschneiden und selbst dem etwas verbrauchten Mafia-Thema neue Facetten abzuringen.
Eine knackige Lektüre und eine echte Empfehlung

18. November 2014

Katharina Mahrenholtz & Dawn Parisi - Theater!

Theater, Theater


Das sang nicht nur Katja Ebstein beim Grandprix 1980 und erreichte damit den zweiten Platz, nein auch das Autorenduo Dawn Parisi und Katharina Mahrenholtz hat sich diesen Themas für seinen neuen im Hoffmann-und-Campe-Verlag erschienenen Band angenommen.
Nachdem sie sich bereits der „Literatur“ und „Shakespeare“ gewidmet haben, geht es nun dem „Theater“, seiner Geschichte, seiner Autoren und seiner Bedeutung auf den Grund.

Wer schon einmal ein Buch der beiden durchgeblättert hat, wird sich gleich wieder zurechtfinden. Statt endloser Bleiwüsten mit trockenen Zusammenfassungen von Werken dominieren kurze, knackige Abstracts der Theaterstücke, die zudem locker und flapsig geschrieben wurden. Dies mag zwar Theaterpuristen nicht schmecken, allen anderen, für die Theater auch Spaß und Entertainment bedeutet, dürfte dies aber gefallen. Mit witzigen Randnotizen, kuriosen Besonderheiten der Stücke und Autoren sowie den wirklich stimmigen Illustrationen Dawn Parisis ist so wieder ein Buch entstanden, das man immer wieder gerne in die Hand nimmt, das mit seinen Texten (mal wieder) Lust auf einen Theaterbesuch macht und das vielleicht sogar dazu angetan ist, den ein oder anderen Leser mal wieder zum Griff zu einem Reclam-Bändchen zu verleiten.

Inhaltlich schlagen Mahrenholtz und Parisi einen weiten Bogen von den klassischen griechischen Autoren (Sophokles oder Euripides) über Shakespeare und das Mittelalter bis hin zur Neuzeit und Moderne. Klassische Theaterstoffe werden genauso vorgestellt wie schon wieder leicht in Vergessenheit geratene Dramatiker und deren Stücke. Moderne Theaterautoren wie Roland Schimmelpfennig und Yasmina Reza stehen neben Falk Richter oder Dario Fo, Tom Stoppard ergänzt die Reihe um Hochhuth, Müller und Brasch. Ergänz wird dies beispielsweise durch die Vorstellung berühmter Theater, geschichtliche Überblickstabellen oder kleine Gattungskunden von dramatischen Stoffen. So entsteht ein großes Panoptikum an Bekanntem und Unbekanntem, das den Leser immer wieder zum Weiterblättern verführt.

Ein Band für Theaterfreunde genauso wie Theatermuffel, der einfach Freude am Theater weckt. Am besten besorgt man sich sogleich zwei Ausführungen dieses tollen Buchs, damit man immer noch selbst eines besitzt, nachdem man das andere Exemplar verschenkt hat und damit Theaterfreude geweckt hat.

13. November 2014

Jo Nesbø - Der Sohn

Tödliches Erbe


Sonny Lofthus sitzt im Gefängnis Staten in Oslo. Er ist ein mustergültiger Gefangener, der seinen Mithäftlingen Beichten abnimmt. Doch eines Tages wird er mit einer tödlichen Wahrheit konfrontiert. Die Verbrechen, für die Sonny büßt, haben andere begangen und zudem tauchen Neuigkeiten über Sonnys Vater auf. Dieser war ein aufrechter Polizist, doch eines Tages verübte er Suizid und ein Abschiedsschreiben legte nahe, dass er ein Maulwurf für die Drogenkönige Oslos gewesen sei. Sonny wittert die Chance, der Gerechtigkeit und dem Ruf seines Vaters Genüge zu tun und bricht aus dem Staten aus. Schon bald zieht sich eine Schneise der Verwüstung und der Morde durch ganz Oslo – und nur der alternde Polizist Simon Kefas mit junger Partnerin stellt sich ihm entgegen.
Zugegeben, ganz neu ist die Idee hinter Nesbøs „Der Sohn“ nicht: ein unschuldig hinter Gittern sitzender Verbrecher, der hereingelegt wurde und nun seinen Ruf reinwaschen will, notfalls auch mit Gewalt. Doch der norwegische Autor schafft es, dieser schon etwas ausgekauten Story neues Leben einzuhauchen. Selten hat man einem Verbrecher für seine Mission mehr die Daumen gedrückt und gehofft, dass sein Morden zum Ziel und damit der Wahrheit führen möge.
Ist man anfangs eingedenk der vielen Personen, die Nesbø einführt, etwas verwirrt, so lichtet sich schon bald der Nebel und die Hauptprotagonisten kristallisieren sich heraus. Da ist auf der einen Seite Sonny, der Sohn, und auf der anderen Seite Simon Kefas, der genügend eigene Probleme mit sich herumschleppt. Den Reiz der Geschichte macht zu großen Teilen auch die Tatsache aus, dass viele Charaktere im Laufe des Buches ganz unterschiedliche Facetten enthüllen und nicht jeder gleich automatisch gut oder böse ist. So schwankt man beim Lesen immer mit der Bewertung der Personen und hetzt durch die Seiten, um ihre Geheimnisse zu ergründen.
Mit „Der Sohn“ beweist Jo Nesbø erneut, dass er für einen spannenden Thriller nicht unbedingt seinen charismatischen Serienheld Harry Hole benötigt. Über 500 Seiten hält der Ökonom und Musiker die Spannung und treibt durch immer neue Wendungen und Blickwinkel die Geschichte voran. Auch wenn der Plot des Sohnes nicht ganz neu ist – dieser Thriller bringt alles mit, was Fans an Nesbø zu schätzen wissen. Und alle anderen sollten ihn endlich kennen lernen!

13. Oktober 2014

Oliver Harris - London Underground

Im Londoner Untergrund

Man muss Nick Belsey nicht mögen, um seinen Spaß an „London Underground“ zu haben. Der Ermittler säuft im Dienst, ist korrupt, steht eigentlich mit mehr als zwei Beinen im Knast und hat ein grandioses Gespür für Fettnäpfchen. Dennoch ist er ein brillanter Ermittler und leistet sich in im neuen Roman von Oliver Harris sein Kabinettstückchen.

Bei der Verfolgung eines verdächtigen stößt Belsey auf den Zugang zu einem alten Tunnelsystem unter einem alten Bunker. Er wittert die Möglichkeit für ein besonderes Date mit einer jungen Frau, die beim nächtlichen Tête-a-tête natürlich prompt entführt wird. Belsey muss sich – herausgefordert von einem Geiselnehmer, der Belsey auf ein Geheimnis stoßen will – in das verzweigte Tunnelgeäst aufmachen und dabei seine nächtliche Eskapade vor den Kollegen vertuschen. Ein Tanz auf dem Vulkan beginnt.
Mit jeder Menge Lokalkolorit ausgestattet geht es auf und unter den Straßen Londons und Umgebung rund. Belsey mag zwar ein Dreckskerl sein, seinen Job erledigt er in „London Underground“ aber mehr als nur fabelhaft. Er kombiniert und trickst sich durch den Plot und der Leser bleibt atemlos an den Ermittlungen dran.

Gut. Man mag dem Thriller vorhalten, dass er überkonstruiert ist und sich von Unwahrscheinlichkeit zu Unwahrscheinlichkeit hangelt. Auch einige Logiklöcher ließen sich nicht vermeiden – aber das machen das Timing, die Spannung und das Tempo mehr als nur wett. Der Plot, der sich zwischen Kaltem Krieg, Architektur, Schnitzeljagd und Tunneln bewegt, ist insgesamt mehr als nur gelungen und zählt zu den Spannungshighlights des Herbstes 2014.

Von den beiden Fällen, die Belsey in London zu lösen hatte, ist „London Underground“ klar der bessere Fall, der den Leser genauso wie den Cop in sich hinein saugt und erst nach 450 Seiten wieder ans Tageslicht entlässt.

Wo war das?

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