1. September 2014

Carl-Johan Vallgrén - Schattenjunge

Die Schatten der Vergangenheit

Carl-Johan Vallgrens erster Krimi erschien in Schweden zunächst einmal unter Pseudonym, da er bisher überwiegend als Autor von anderen belletristischen Werken in Erscheinung trat. Nun hat er sich dem Genre des Kriminalromans zugewandt und macht seine Sache gut!

Vor vierzig Jahren verschwand der Enkel des schwedischen Großunternehmers Pontus Klingberg an einer Stockholmer U-Bahn-Station. Der Junge tauchte nie wieder auf.
2012 verschwindet nun der andere Enkel Pontus Klingbergs spurlos. Die verzweifelte Ehefrau des Verschwundenen wendet sich an Danny Katz, einen Privatermittler, der völlig am Boden darnieder liegt. Eine Freundschaft verbindet ihn und den Verschwundenen, weswegen Katz nicht lange zögert, um sich hinter das Verschwinden zu klemmen. Was er in der Familiengeschichte der Klingbergs entdeckt, hätte er so nicht erwartet und droht ihn in einen tödlichen Strudel zu reißen.

Bei seinem ersten Kriminalroman folgt Vallgren überwiegend den Konventionen des skandinavischen Krimis: Ein kaputter Ermittler (Erinnerungen an Jo Nesbos Harry Hole werden wach), ein dunkles Geheimnis, ehrbare Männer der Gesellschaft, die keineswegs unbescholten sind - all diese Zutaten mixt der Schwede zu einem schnellen Krimi. Die Geschichte liest sich eingedenk der großen Schriftgröße und des hohen Schreibtempos schnell weg. Man verzeiht dem Autor auch einige Griffe in die Klischeekiste und gerade im letzten Drittel einige nicht unbedingt sonderlich plausible Wendungen (besonders was den zweiten Erzählstrang einer alten Freundin von Danny angeht). Aber dafür ist der Roman spannend und dies ist schließlich was zählt. Carl-Johan Vallgren beherrscht auf jeden Fall sein Handwerk und unterhält den Leser gekonnt.
Weiter Fälle für Danny Katz dürfen nicht ausgeschlossen werden, wenn man die letzten Seiten des "Schattenjungen" liest - von mir aus sehr gerne!

26. August 2014

Robert Seethaler - Ein ganzes Leben

Ein ganzes Leben

Nach seinem großen Erfolg des Romans „Der Trafikant“ hat Robert Seethaler nun den Verlag gewechselt und wird bei Hanser Berlin verlegt. Sein neuer Titel hat– um es vorweg zu nehmen – auch wieder das Potential, ein Bestseller mit Tiefgang zu werden.

Sein Roman „Ein ganzes Leben“ hat das von Andreas Egger zum Thema. Vom Aufwachsen bei einem hartherzigen Bauern um die Jahrhundertwende herum über die erste Liebe bis hin zum Tode Eggers spannt Robert Seethaler seinen erzählerischen Bogen. Er erzählt, wie Egger inmitten der Berge aufwächst, zum gefragten Seilbahnbauer avanciert, die Liebe findet und schließlich sein ganzes Leben an sich vorüberziehen sieht.

Robert Seethaler ist ein begnadeter Erzähler, der mit einer einfachen Sprache unvergleichlich gut die Atmosphäre, Gedanken und Lebenswelt seiner Charaktere einzufangen vermag. Auch hier gelingt es ihm wieder bestens, von den Nöten und Freuden Eggers zu erzählen, von seinen Aufstiegen auf die Berge, und nicht zuletzt von der Liebe. Obwohl das Buch wahrlich nicht dick ist, ist es so viel gehaltvoller als so manch andere dicker Schmöker. Er lässt den Leser an den Tiefschlägen genauso wie an den Glücksmomenten im Leben Eggers teilhaben, was zur Ergriffenheit des Lesers beiträgt.

Er begeht nicht den Fehler, angesichts der omnipräsenten Alpen in Luis-Trenker-Romantik zu verfallen, sondern zeichnet vielmehr ein Bild von Entbehrung und Einfachheit, wie es für das Leben anfangs des 20. Jahrhunderts in den ländlichen Gegenden Österreichs typisch war. Er überhöht nicht, er idealisiert nicht, er beschreibt nur.

Robert Seethaler gelingt es auf 150 Seiten, „Ein ganzes Leben“ mit all seinen Höhen und Tiefen plastisch werden zu lassen. Ähnlich wie im Bestseller „Stoner“ von John Williams gelingt es auch hier, die vermeintlich unspektakuläre Biographie eines Menschen in wunderbare Prosa zu überführen. Einer der stärksten Titel des kommenden Bücherherbstes!

Benjamin Lebert - Mitternachtsweg

Sylter Schauergeschichten

Benjamin Lebert wagt in „Mitternachtsweg“ das Spiel mit mehreren Erzählebenen – und gewinnt. Er entführt den Leser auf den titelgebenden Weg, der in seiner Erzählung eine zentrale Rolle einnimmt. Auf Sylt existiert nämlich eine gefährlicher Tradition – bei Ebbe im Mondlicht beschreiten junge Liebende einen Weg aufs Meer hinaus, um sich gegenseitig ihrer Liebe zu versichern.
Johannes Kielland, ein junger Mann, stößt bei Recherchen auch auf eine Geschichte rund um den Mitternachtsweg. Eine mysteriöse Frau soll diesen mit ihrem Geliebten genommen haben, doch kehrte nur sie vom Mitternachtsweg zurück. Bei seinen Recherchen muss der junge Mann allerdings feststellen, dass diese Legende lebendiger ist, als er es sich hätte vorstellen können.

Stück für Stück wird Kielland (und nicht weniger der Leser) immer mehr in die Geschichte hinein gesogen, wie mancher Liebende von der Strömung aufs Meer hinausgezogen wurde. Man weiß angesichts der verschiedenen Erzählebenen schon bald nicht mehr, was eigentlich Wahrheit ist und was der Phantasie entstammt. Geschickt verbrämt Lebert seine eigentliche Liebesgeschichte mit einer Schauergeschichte in bester hanseatischer Tradition.

So entsteht ein ungewöhnliches Buch, das mich persönlich stark an die Romane Carlos Ruiz Zafons erinnerte. Die Mischung aus Schauern und Liebe geht in „Mitternachtsweg“ exzellent auf und macht dieses Buch zu einer echten Empfehlung in diesem Bücherherbst, wenn die Nächte länger werden und die Herbststürme über den Deich fegen!

Stephanie Bart - Deutscher Meister

Der Kampf eines Lebens

Man muss nicht mehr lange die Bücher- und Bibliotheksregale des Landes auf der Suche nach den stärksten Titeln des Jahres durchforsten – mit „Deutscher Meister“ von Stephanie Bart liegt einer der besten Herbsttitel dieses Jahres bereits vor.
In letzter Zeit kam es wirklich selten vor, dass ich ein Buch zuklappte und erst einmal die Welt, die der Roman imaginiert hat, nicht verlassen wollte. Bart gelingt das mit ihrer Lebensbeschreibung des Boxers Johann Rukelie Trollmann fantastisch.
Sie erzählt von Trollmann, einem jungen, unterhaltsamen und umschwärmten Boxer, dessen einziges Problem sein Migrationshintergrund als Sinto ist – dies wäre kein Problem, wäre es nicht das Jahr 1933 und Berlin, wo Trollmann seine Karriere vorantreiben will.
Er muss sich mit sportlichen und privaten Niederschlägen auseinandersetzen und verliert dabei sein großes Ziel nicht aus dem Auge – einmal „Deutscher Meister“ im Boxen zu sein.

Man kann über diesen Roman nicht sprechen, ohne seine Sprache zu rühmen. Stephanie Bart erzählt in einem pulsierenden, treibenden Beat, den man so in den letzten Jahren in der deutschen Literatur vermisst hat. Sie rhythmisiert, sie prescht voran, sie schlägt Finten. Wie ein Boxer mit seinen Fäusten, so arbeitet die Autorin mit ihrer Sprache.
Ihr gelingt ein Boxerroman, ein Berlinroman, ein historischer Roman und eine Biografie auf einmal, un das vollkommen überzeugend.
Vielstimmig erzählt sie von Weggefährten Trollmanns,
Eine Szene wie die des finalen Kampfes um die Deutsche Meisterschaft habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Sie hüllt den Boxkampf in große Prosa, verweilt immer wieder bei den unterschiedlichen Figuren, die das Buch wie eine Fuge durchziehen.

Wo war das?

Wird geladen...