William Boyd - Die Fotografin

Bilder eines Lebens


Amory Clay ist Die Fotografin. Erneut legt der britische Romancier William Boyd eine Biographie über eine fiktive Persönlichkeit vor, die in ihrem Leben Geschichte erlebte und die Wege von bekannten Persönlichkeiten kreuzte. Ähnlich wie in seinen Romanen Eines Menschen Herz oder Nat Tate setzt er aus den Schlaglichtern des turbulenten und polyphonen 20. Jahrhunderts eine Geschichte zusammen, in der der Fotografie und bestimmten Bildern eine tragende Rolle zukommt.


War die Kunst im Opus William Boyds schon immer ein zentrales Motiv, so findet auch hier die Kunst den Weg ins Buch - in der Form von zahlreichen Fotos, deren Urheberin Amory Clay sein soll. Diese geht als junge Frau in England ihren Weg, indem sie trotz Bedenken ihren Wunsch, Fotografin zu werden, in die Tat umsetzt. Unzufrieden mit ihrem Dasein als Gesellschaftsfotografin beschließt Amory, ins Berlin der 30er Jahre aufzubrechen.

In der brodelnden Stadt entdeckt sich die Fotografin selbst, konzipiert eine Ausstellung mit skandalösen Fotos aus Berliner Clubs und wird prompt polizeilich dafür belangt. In der Folge werden Amerika, London und der Vietnamkrieg zu Wegmarken in ihrem Leben, immer mit der Hand am Auslöser ihrer Kamera. 
Doch nicht nur das Weltgeschehen erlebt Amory am eigenen Leib, auch bekannte Menschen werden immer wieder ihre Bahnen kreuzen und ihrem Leben immer wieder neue Impulse geben, während sich Amory als Frau behaupten muss und ihren Kampf um Selbstbestimmung führt.

William Boyds Fotografin ist wieder ein klassischer Schmöker, der die Brandherde des 20. Jahrhunderts beleuchtet und den Leser mitten ins Getümmel von Vietnam oder dem Zweiten Weltkrieg mitnimmt. Nebenbei ist der Roman auch eine Geschichte der Emanzipation und hat mit Amory eine komplexe Persönlichkeit zur Heldin, die sich gängigen Konventionen verweigerte.

Was diesem Roman etwas fehlt ist der Wille zu einer eigenen Inszenierung oder Ästhetik. Zwar montiert Boyd in seine chronologisch erzählte Handlung ab dem Jahr 1908 noch das Barrandale-Journal, das im Jahr 1977 spielt und eine Art Retrospektive auf Amory Clays Leben darstellt, doch dies funktioniert nur bedingt. Boyds Erzählweise ist reichlich brav und konventionell. Eine aufregendere literarische Behandlung für das aufregende Leben der Amory Clay hätte dem Buch gut getan. Wie man eine fiktive Biografie ungewöhnlich und fordernd erzählt, dies hat zuletzt beispielsweise Jane Gardam in ihrem Roman Ein untadeliger Mann literarisch bravouröser gelöst.

Davon abgesehen ein typischer Schmöker aus der Feder von William Boyd, der abseits der bekannten historischen Leuchtfeuer auch unbekanntere Aspekte wie etwa die Aufstände von britischen Faschisten vor dem Zweiten Weltkrieg behandelt. Ein Buch, ein Leben, viele Fotos - William Boyd hat wieder zugeschlagen!

Michael Köhlmeier - Das Mädchen mit dem Fingerhut

Das wilde Kind 

Ein kleines Mädchen taucht quasi aus dem Nichts in einer Stadt auf. Von einem Onkel mehr oder weniger ausgesetzt stromert es fortan getrieben wie ein Korken in den Wellen, durch eine Stadt und eine Gesellschaft, die es nicht kennt. Erwachsene Menschen kreuzen seine Wege, doch das Mädchen wirkt getrieben und geht den Erwachsenen aus dem Weg. Einzig beim Wort "Polizei" schreit das Kind und sträubt sich gegen jede Vereinnahmung.


Konsequent nimmt Köhlmeier in seiner neuen Erzählung die Perspektive eines kleines Kindes ein. Mit leichtem österreichen Idiom betrachtet er diese wundersame Welt aus den Augen seiner Yiza. Dies gelingt ihm ähnlich gut wenn nicht sogar besser wie in seinem Roman Die Abenteuer des Joel Spazierer. In kurzen, parataktischen Sätzen begleitet er das Wesen und seinen Taumel durch die Welt.

Vieles in dieser Erzählung wird nur angerissen und bleibt ungefähr, ebenso wie das verschwommene Kind auf dem Cover. Woher kommt das Mädchen? Was sind seine Hintergründe? Wo spielt die Geschichte? Nach 140 Seiten ist man nicht wirklich schlauer, was die Identität von Yiza betrifft, doch hat man mit ihr Zeit verbracht und eine Ahnung davon bekommen, wie das Leben als Außenseiter oder als Schwacher in unserer Gesellschaft sein muss.

Für mich schwankt diese Erzählung Köhlmeiers irgendwo zwischen einer Novelle und einem lyrischen Text. Die kurze, sachliche und schmucklose Prosa Köhlmeiers bürstet die ungewöhnliche Geschichte noch einmal gegen meine sonstigen Lesegewohnheiten und zwang mich zu genauem Lesen. 

Das Mädchen mit dem Fingerhut sensibilisiert für die Schicksale der von der Gesellschaft Ausgestoßenen und lässt einen genauer hinblicken hinter das Schicksal vieler Menschen, die sich als Obdachlose oder Ausgestoßene über die Runden bringen müssen. Eine nachdenklich machende Lektüre.

Erik Axl Sund - Scherbenseele

Die dunkelsten Gefilde


Wenn dieser Thriller eine Farbe wäre, dann wäre es wohl ein Schwarz in der dunkelsten Changierung, ähnlich dem, mit dem der Freund von Jens Hurtig malt. Hurtig selbst muss in einer grausamen Mordserie in Schweden ermitteln, die ihn an den Rand seiner Leistungsfähigkeit bringt.
Immer wieder begehen Teenager auf höchst grausame Weise Selbstmord.
Das verbindende Moment scheint der mysteriöse Künstler Hunger zu sein, dessen Kompositionen alle Teenager hörten, ehe sie sich umbrachten. Wer ist dieser Künstler und was verbindet die Jugendlichen miteinander? 
Seine Suche führt Jens Hurtig in Abgründe der schwedischen Gesellschaft und bringt ihn in tödliche Gefahr

Härter, grausamer, brutaler


Was hier und auf dem Klappentext noch recht spannend klingen mag, ist in der Realität aber ebenso misslungen wie unnötig grausam. Ist man ja von Schreibern wie Sebastian Fitzek und Co. schon viel in der Kategorie Blutiger, Härter, Brutaler gewöhnt, doch hier scheint es, als wollten die beiden schwedischen Autoren bei diesem Wettbewerb auch noch einen der vorderen Plätze belegen. Da werden Schädel gespalten, die eigenen Körper blutig geritzt und Teenager verbrennen sich selber, dass man sich abwenden mag.
Dies kann ich nicht mehr ernst nehmen, wenn dann inmitten der detailliert geschilderten Suizide dann auch noch alle problembehafteten Protagonisten miteinander verknüpft sind und ihnen allen nur gemein zu sein scheint, möglichst viel Schmerz zu verbreiten oder zu ertragen.

Den Ermittler Jens Hurtig kennen Fans schon aus den Vorgängerwerken der Autoren, der Victoria-Bergmann-Trilogie. In dieser war der Ermittler noch eine Randfigur, nun darf er erstmals eigenständig ermitteln und die Identität von Hunger zu ergründen suchen. Dabei bleibt Hurtig allerdings eigentümlich blass und nichtssagend.

Eigentlich sorgen ja schnelle Schnitte in Thrillern für Tempo und atemlose Spannung, da man von Seite zu Seite hetzt. Auch hier sind die Kapitel selten länger als drei Seiten, Spannung kam bei mir dafür allerdings nicht auf. Vielmehr sorgen die hastig zusammengesetzten Kapitel, dass sich bei mir kein richtiger Lesefluss entwickelte und alle Charaktere nur Skizzen bleiben. Ich fand nicht in die Geschichte hinein und stand ihr (auch wegen der unglaubwürdigen Gewaltexzesse und hanebüchenen Erklärungen) fremdelnd gegenüber.

So bleibt mir das Fazit: Schade um die vertanen Chancen. Scherbenseele ist ein Thriller, der leider misslungen ist - zu zerrissen, brutal und überfrachtet.
 


Antonio Hill - Tote Liebe

Die Liebenden von Hiroshima


Das Setting des neuen Verbrechens, das Hector Salgado in seinem dritten und letzten Einsatz aufklären muss, ist reichlich bizarr. In einem leerstehenden Haus wird ein schon lange vermisstes Pärchen tot aufgefunden, in der Umgebung findet sich ein Koffer mit tausenden von Euros und Gemälde, die das erschlagene Paar zeigen.
Welcher Mörder lässt eine derartig hohe Summe an Geld zurück und arrangiert den Fundort der Leichen? Und was hat es mit der Erzählung Die Liebenden von Hiroshima auf sich, die immer wieder in den Ermittlungen Hectors auftaucht?


Der melancholische Ermittler Hector Salgado, der eigentlich aus Argentinien stammt, beginnt den dünnen Spuren zu folgen, während er mit den Dämonen seiner Vergangenheit kämpft. In den beiden Vorgängerbänden Der Sommer der toten Puppen und Der einzige Ausweg kam der Leser langsam hinter das Verschwinden von Ruth Valldaura, der Gattin von Hector. Dass sie aus dem Leben des Ermittlers trat und verschwand, dies verzeiht sich der argentinische Ermittler bis heute nicht. Horizontal erzählt kommt dieser Subplot nun zum Ende - hier wäre die Kenntnis der beiden Vorgängerbände von Vorteil, auch wenn Hill die wichtigsten Fakten noch einmal kurz anreißt.

Immer wieder wirft Hill einen Puzzlestein um die damaligen Ereignisse, die zum Verschwinden von Ruth führten, in die Handlung ein, während auch der Fall des ermordeten Pärchens langsam an Klarheit gewinnt.



Ein konventioneller Krimi


Tote Liebe ist ein konventioneller Krimi, der nicht viel falsch macht, allerdings hätte ein Personenregister das Lesen des Romans etwas erleichtert, da die vielen spanischen Charaktere nicht so richtig eingängig sind. Von der Tiefe und dem Niveau kommt der neue Roman von Antonio Hill einem klassischen Tatort mit Barcelona-Setting nahe. Der Roman weiß den geübten Krimileser gut zu unterhalten, auch wenn das Buch nicht viel Neues bietet. 


Ein Kritikpunkt für mich ist die inkonsistente Gestaltung des Äußeren der Buchreihe. Nach dem Paperbackdebüt von Antonio-Hill wurde die Reihe bei den zwei folgenden Bänden im Taschenbuch weitergeführt und die Gestaltung des Covers und des Titels jedes Mal wieder variiert
Dies bringt keine Einheitlichkeit und sorgte zumindest bei mir für ein kleines Stirnrunzeln. Fans einer Reihe gewinnt man so nicht, aber vielleicht wird die Trilogie ja auch irgendwann einmal in einheitlichem Design aufgelegt.




http://www.suhrkamp.de/buecher/der_sommer_der_toten_puppen-antonio_hill_46370.html
Nummer 1
Nummer 3
Nummer 2




Donna Tartt - Der Distelfink

Die Kunst eines Lebens



Was für ein Buch. Über 1000 Seiten, ein Leben voller Kunst, Gefahr, ein Porträt Amerikas, eine Einführung in die Kunst des Goldenen Zeitalters der Niederlande, und nicht zuletzt die sogvolle Schilderung eines kriminellen Lebens und einer Spirale, der sich niemand entziehen kann.
Kurzum: ein Roman, der seinesgleichen sucht. 

Geschrieben hat ihn Donna Tartt, die sich für ihre Bücher in der Regel ein Jahrzehnt Zeit lässt. Ohne Druck entstehen dabei Epen, die im Literaturbetrieb etwas ganz besonderes sind. 1992 debütierte sie mit dem Roman Die geheime Geschichte, 2002 ließ sie Der kleine Freund folgen, ehe nun 2013 Der Distelfink erschien.

Dieser erzählt die Lebensgeschichte von Theo Decker, dessen Vater sich aus dem Staub gemacht hat und der mit seiner Mutter in einem New Yorker Appartment lebt. Die große Liebe zur Kunst treibt sie und ihr Kind immer wieder in Museen und wird letztendlich auch zu ihrem Schicksal. Bei einer Explosion im Metropolitan Museum kommt sie ums Leben und Theo überlebt als einer der wenigen die Katastrophe.

"Der Distelfink" - www.mauritshuis.nl 
Fortan schlägt er sich alleine durchs Leben und wird von der Familie eines Freundes adoptiert. In der feinen Oberschichtenfamilie verbringt Theo seine Zeit, ehe er von seinem leiblichen Vater nach Las Vegas geholt wird, wo er mit Boris, einem anderen Halbwaisen, Freundschaft schließt. Steter Begleiter ist Theo in allen Lagen Der Distelfink, das berühmte Gemälde des holländischen Malers Carel Fabritius, welcher ironischerweise auch bei einer Explosion ums Leben kam. Das widerrechtlich in Theos Besitz befindliche Gemälde löst in der Folge eine Abwärtsspirale aus, die Theo immer weiter in die Kriminalität drängen wird und die undurchdringbar erscheint. Am Ende wird gar ein Mord im Raum stehen.

Von der ersten Zeile an packte mich Donna Tartt mit ihrer Geschichte und ließ mich erst nach 1022 Seiten wieder los. Ähnlich der Spirale, in der sich Theo wiederfindet, steckt sie den Leser ebenfalls in eine solche und lässt ihn immer tiefer in Theos Schicksal und die Welt der Kunst eintauchen.

"Wir können uns nicht aussuchen, was wir wollen und was wir nicht wollen, und das ist die harte, einsame Wahrheit. Manchmal wollen wir, was wir wollen, obwohl wir wissen, dass es uns umbringen wird. Wir können dem, was wir sind, nicht entrinnen (...).
Und so gern ich an eine Wahrheit jenseits der Illusion glauben würde, glaube ich doch inzwischen, dass es sie nicht gibt. Denn zwischen der "Realität" auf der einen Seite und dem Punkt, an dem der Geist die Realität trifft, gibt es eine mittlere Zone, einen Regenbogenrand, wo die Schönheit ins Dasein kommt, wo zwei sehr unterschiedliche Oberflächen sich mischen und verwischen und bereitstellen, was das Leben nicht bietet: und das ist der Raum, in dem alle Kunst existiert und alle Magie" (Donna Tartt: Der Distelfink, S.. 1021)


Der zweite Streich von Donna Tartt
Wie Donna Tartt Theos Schicksal schildert, das ist große Kunst. Sie schafft mit Der Distelfink einen Raum der Magie, in dem ich gebannt wandelte und froh war, die Welt durch Theos Augen zu sehen. So wenig wie der Distelfink in Fabritius' Gemälde seinem Schicksal durch seine Kette entrinnen kann, so wenig ist Theo in der Lage, auf seiner Schussfahrt zu wenden.

Wie gefangen mich die Lebensgeschichte Theos nahm, lässt sich am besten an dieser Begebenheit aufzeigen: Während der Lektüre des Distelfinks ertappte ich mich dabei, dass ich das Internet nach Reproduktionen des Distelfinks durchsuchte. Donna Tartt gelang es, mit ihren Schilderungen des Gemäldes von Fabritius dasselbe zu bewirken, das sie bei Theo Decker beschreibt. Die Bewunderung und Liebe zu dem Gemälde ergriff mich und so wollte auch ich am liebsten einen Distelfink besitzen.

Genauso wie in Der kleine Freund schildert Tartt auch hier wieder einen jungen Menschen beim Übergang ins Erwachsenwerden und die tödlichen Konsequenzen, die ein vermeintlich unschuldiger Wunsch haben kann. Wie sie das tut, ist nicht anders als meisterhaft zu nennen.

Das Debüt von Donna Tartt
Für mich hat Donna Tartt mit diesem Roman endgültig das Erbe Charles Dickens oder der großen russischen Erzähler angetreten. Wie souverän sie durch die 1000 Seiten hindurch in aller Akribie und Gewandheit das Leben von Theo schildert, dies liest man in der zeitgenössischen Literatur nicht so oft. 
Diese Vermengung aus Kunst und Kriminalität ist wunderbar geraten und gar nicht fernab der Realität, wie z.B. der Fall von Cornelius Gurlitt zeigt.
Wenn die Autorin das nächste Mal wieder in der Lage ist, ein ebenso kraftvolles und eindringliches Buch zu schreiben, dann nehme ich auch die zehn Jahre Wartezeit in Kauf, wenn man mit solch literarischen Perlen belohnt wird!

P.S.: Man sollte sich keinesfalls von der Dicke des Buchs beeindrucken lassen, in meinem Falle hätte Der Distelfink ruhig noch einmal so dick sein dürfen. Dieses Buch ist ideal, um darin zu versinken und sich für viele Stunden mit Theo Decker zu verlieren.